An schönen Tagen fahre ich öfter von der Arbeit in Mannheim die knapp 22 Kilometer über Felder und durch kleinere Ortschaften nach Hause mit dem Fahrrad. So auch gestern. Aber der gestrige Abend war nicht nur schön, er war krass heiß. Ich hatte mir extra für den Rückweg meine Badeshorts mitgenommen, weil es sonst nicht auszuhalten gewesen wäre. Auf der Hälfte des Weges machte ich Halt, um ein paar Kirschen zu ernten und mit nach Hause zu bringen (3,50€ im Supermarkt für unreife Kirschen aus Ägypten - da klettere ich lieber persönlich auf ‘nen Baum). Anschließend war mir so warm, dass ich mich kurzerhand entschloss, das T-Shirt auszuziehen und erstmal oben ohne weiterzufahren; die nächsten paar Kilometer kamen sowieso nur Felder und außer Saatkrähen und Vogelscheuchen kuckt da niemand. Felder, Edingen, Felder, Heidelberg-Wieblingen - so langsam fuhr ich nach Heidelberg rein, immer mehr Häuser, immer mehr Menschen und ich fand einfach keine gute Stelle, an der ich absteigen und mein T-Shirt wieder hätte anziehen können. Der Kopf hatte keine Kontrolle mehr über den Körper - machtlos musste ich mich von meinen Beine immer weiter treten lassen, vorbei an der Kreuzung, welche alle zwei Minuten von ca. 50 radelnden Studenten neu bevölkert wird, vorbei am vollbesetzten Café um die Ecke, vorbei am vollbesetzten Café direkt nebenan. Ob mich jemand bekanntes gesehen hat - keine Ahnung; ich traute mich auch nicht so recht, nach rechts oder links zu schauen.
Als ich zu Hause darüber nachdachte, fiel mir auf, dass ich in Berlin vermutlich keinerlei Hemmungen verspüren würde, im Sommer oben ohne auf dem Rad durch die Stadt zu fahren. Das könnte natürlich daran liegen, dass Berlin eine Großstadt ist und die Leute dort allerhand gewohnt sind. Ich glaube aber eher, dass man sich in seiner Heimat generell ungezwungener bewegt. Leute mit nacktem Oberkörper habe ich in Heidelberg auch schon gesehen (wenn auch selten und meistens kann man ja auch nur froh drüber sein) und wahrscheinlich war ich gestern der einzige, der sich darüber die Birne zermalmt hat. Insofern habe ich vielleicht gerade das Verfahren gefunden, mit dem man messen kann, wie “zu Hause” man sich an einem Ort fühlt: Man tue etwas, womit man zu Hause kein Problem hätte (z.B. oben ohne durch die Stadt laufen, mit Dosenbier S-Bahn fahren, in Hausschuhen zum Bäcker gehen) und prüfe, wie wohl oder unwohl man sich dabei in der neuen Heimat fühlt. Vielleichte bin ich aber auch einfach erwachsener geworden.
